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Autoren: Malte Körner, Annelie Krüger, Søren Lepszy

Die (Um-)Welt im Jahre 1665 und der frühe Kolonialismus

Während die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel am 5. Oktober 1665 mit einem feierlichen Festakt eröffnet wurde, tobte 24 Tage später, am 29. Oktober desselben Jahres, auf dem afrikanischen Kontinent die entscheidende Schlacht von Ambuila zwischen den Königreichen Portugal und Kongo. Der Sieg der portugiesischen Armee über das kongolesische Heer bedeutete für das Königreich Kongo das Ende seiner Autonomie und damit den Beginn einer mehrere Jahrhunderte andauernden Kolonialgeschichte.

1.1 Kolonialisierung – Industrialisierung – Globalisierung

Bereits seit dem ausgehenden Mittelalter entwickelten die Europäer ein Interesse daran, die ihnen zu großen Teilen noch unbekannte Welt zu erkunden. Den Auftakt einer Reihe von bedeutenden Expeditionen und Entdeckungsfahrten zu anderen Kontinenten leitete der venezianische Kaufmann Marco Polo ein, der Ende des 13. Jahrhunderts nach China reiste. Zu dieser Zeit waren die Städte und Regionen durch große Entfernungen, eine schlecht ausgebaute Infrastruktur, unsichere Straßen sowie Grenz- und Binnenzölle voneinander isoliert. Auf der Suche nach neuen Handelsbeziehungen und Handelsgütern lieferten Marco Polos Reiseberichte für die folgenden Generationen den Anstoß für weitere Expeditionen.

Der Höhepunkt des frühen europäischen Erkundungsgeistes zeichnete sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts ab. Mit dem Ziel eines direkten Gewürzhandels versuchten die Portugiesen und Spanier einen Seeweg nach Südasien zu finden. Zu einer solchen Expedition brachen auch berühmte Seefahrer wie Christoph Kolumbus und Amerigo Vespucci auf. Die erste komplette Weltumsegelung gelang zu Beginn des 16. Jahrhunderts schließlich einer Expedition unter der Leitung Ferdinand Magellans. Derartige Unternehmungen führten zur Erschließung eines sich über nahezu alle Ozeane erstreckenden Seeverkehrsnetzes. Damit 2verbunden bildeten sich immer mehr außereuropäische Handelsniederlassungen, welche von da an regelmäßig angesteuert werden sollten.

Bei einfachen Handelsniederlassungen blieb es in Folge der oftmals gewaltsamen (wie im Fall der Auseinandersetzung zwischen den Königreichen Portugal und Kongo) europäischen Expansionspolitik jedoch nicht. Vielmehr entstanden auf diese Weise etliche Kolonialreiche in Übersee. Die Kolonien führten als fester Bestandteil der einzelnen europäischen Reiche zu einem wachsenden Güter- und Personenverkehr über die Weltmeere. Diese Entwicklung bildet den Ausgangspunkt für eine weltweite Vernetzung und Überwindung geographischer Schranken und gipfelt im Prozess der heutigen Globalisierung.

Ein weiterer Schritt nach der Erschließung der Welt stellt die im 18. Jahrhundert in England einsetzende Industrialisierung dar. Im Zuge dieser stiegen Mobilität und Frequentierung: Durch technische Errungenschaften wie die Erfindung der Dampfmaschine als Grundlage motorisierter Transportmittel wurden schließlich Eisenbahnen und gewaltige Frachtschiffe aus Stahl entwickelt. Aufgrund der mit der Industrialisierung einhergehenden Möglichkeit der Massenproduktion und eines massiven Bevölkerungswachstums in den Industrieländern, wurde ein vermehrter Handel von Rohstoffen und anderen Handelsgütern notwendig, um den Bedarf sowohl der Bevölkerung als auch der Industrie zu gewährleisten. Erz, Kohle, Holz, Baumwolle, Textilien und Nahrungsmittel wie Früchte, Kakaobohnen usw. wurden tonnenweise verschifft, woraus sich schließlich ein reger und regelmäßiger Im- und Export von Waren entwickelte. Aber nicht nur der reine Güterverkehr, sondern auch der Personenverkehr gewannen immer mehr an Bedeutsamkeit. Zu den wichtigsten Überseeverbindungen in der Linienschifffahrt zählte zu dieser Zeit etwa die Transatlantikroute.

1.2 Folgen des frühen Kolonialismus und der zunehmende Globalisierung

Diese Entwicklungen der Entdeckungsreisen, der Kolonialisierung, der Industrialisierung sowie der heutigen Globalisierung und die damit verbundene erhöhte Mobilität bilden die Grundvoraussetzung für die Einschleppung nicht-heimischer bzw. gebietsfremder Arten. Die unbeabsichtigte wie auch beabsichtigte Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten durch den Menschen hat demnach eine lange Geschichte. Über die Jahrhunderte gelangten dadurch auch immer mehr sogenannte invasive Arten zum Beispiel über natürliche Handelsgüter als ‚blinde Passagiere‘ über die Ozeane in neue Lebensräume, was weitreichende Folgen für die jeweiligen Ökosysteme – und zum Teil weit darüber hinaus – haben sollte.

2 Invasive Arten

Invasive Arten vollziehen ihre Ausbreitung, gemäß Definition, durch besagten anthropogenen Einfluss in Gebiete, in welche sie ohne evolutive Vorgeschichte und demnach nicht auf natürliche Weise gelangt sind. Der Mensch hilft hierbei, räumliche Ausbreitungsbarrieren zu überwinden, und bewirkt so die beabsichtigte Einführung oder unbeabsichtigte Einschleppung – mitunter schafft er auch lediglich Zugänge und beseitigt natürliche Barrieren. Frequenz und Trend verlaufen folglich analog zur Entwicklung des weltweiten Handels und Transportes im Zuge der Globalisierung. Man mag dem entgegenhalten, dass verschiedene Arten in der Erdgeschichte durchgehend auch über weite Distanzen, zum Beispiel durch Winde und Ozeanströmungen, verbracht wurden und viele Ökologen widersprechen der These, dass sich natürliche und anthropogen bedingte Einbringung grundlegend unterscheiden lassen. Der hauptsächliche Unterschied liegt dabei jedoch in der stark erhöhten Frequenz und Quantität anthropogen eingeführter Arten, der Einführungswege und auch der Vektoren. Letztere sind zudem vielfach wesentlich dynamischer und diverser als die rein natürlichen Prozesse. Auch die geographischen Skalen fallen im vom Menschen beeinflussten Vorgang größer aus, er erfolgt mit höheren Geschwindigkeiten und die Chancen, die Reise zu überstehen, fallen vielfach besser aus.

2.1 Der Begriff der Invasivität

Aus naturwissenschaftlicher Perspektive empfiehlt es sich, den Begriff der Invasivität zunächst wertfrei zu handhaben. So bezeichnet er Arten, welche in einem bislang unerreichten Gebiet eine Erstbesiedelung vornehmen. Man spricht hier auch von einer Erweiterung der Standortamplitude. Die negative Notation des Begriffs bedingt die anthropozentrische Bewertung, welche Arten als invasiv bezeichnet, wenn ihr Auftreten mit negativen Folgen verbunden ist. So definiert das deutsche Bundesnaturschutzgesetz eine invasive Art so, dass sie, außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes, ein erhebliches Gefährdungspotential gegenüber Ökosystemen, Biotopen und anderen Arten aufweist. 

Die Leitlinien der Convention on Biological Diversity (CBD) definieren hier gleichsam die Einführung und Ausbreitung invasiver Arten als Gefahr für die biologische Diversität. Die Charakteristika invasiver Arten sind hierbei unter anderem vergleichsweise hohe Ausbreitungsraten, eine phänotypische Plastizität, eine durch ihr Genom bedingte Anpassungsfähigkeit sowie eine breite Toleranz gegenüber Umweltbedingungen.

Das Durchsetzungsvermögen einer Spezies hängt einerseits von deren Arteigenschaften, andererseits von den Standorteigenschaften und auch den Wechselbeziehungen zu ansässigen Arten ab. Um nun invasiv zu sein, muss eine Spezies sich trotz anfänglich niedriger Populationsdichte etablieren und sich, die heimischen Arten auskonkurrierend, ausbreiten, was bis zur vollkommenen Umgestaltung oder Zerstörung des Systemgefüges führen kann. Weltweit gelten sie damit als einer der Haupttreiber des Biodiversitätsverlustes. Invasive Arten scheinen sich dabei vor allem an Orten starker Hemerobie, also einmalig bis permanent durch den Menschen gestörten Standorten, an welchen die heimische Konkurrenz entsprechend gering ausfällt, zu etablieren.

Es sind zwei Modellansätze, welche an dieser Stelle gegenüber gestellt werden sollten: Gemäß dem ersten Ansatz gelten invasive Arten als aktiver Faktor des Biodiversitätsrückganges, wohingegen sie gemäß dem zweiten Ansatz eher eine Begleiterscheinung darstellen, die mit einer entsprechenden, vielfach anthropogen verursachten, Ökosystemveränderung bzw. Lebensraumdegradation einhergeht, wodurch wiederum ein natürlicher Rückgang der heimischen Arten bedingt wird.

2.2 Der Invasionsprozess

Der Invasionsprozess selbst wird in der Fachliteratur hauptsächlich als Abfolge von Stadien beschrieben, wobei die Ansätze verschiedentlich differenziert werden. Beispielhaft sei hier auf Abbildung 1 verwiesen, welche ein Modell diskreter Stadien und deren alternative Optionen aufweist. Ergänzend lässt sich hierzu die Zehnerregel aufführen, welche aufzeigt, dass nicht jede eingeführte Art fähig ist, sich zu etablieren: 

Von 1.000 eingeführten Arten überleben statistisch gesehen nur etwa 100, von denen lediglich 10 Arten vermehrungsfähig sind und nur eine von ihnen hat den besagten invasiven Charakter, welchen man in Europa etwa 12.000 Arten zuspricht.

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Abb. 1: Modell diskreter Stadien der Invasionsprozessen, 
die durchlaufen werden, nebst alternativen Optionen jeder Stufe

(LOCKWOOD et al. 2007, S. 9).


Entgegen dieses Modells vollzieht sich der Invasionsprozess in der Realität nicht in diskreten Stadien. Der natürliche Vorgang ist vielmehr eine fortlaufende Kontinuität, welche es unmöglich macht, Stadien als abgrenzbare Schritte zu kennzeichnen. So sind beispielsweise Etablierung und Ausbreitung direkt miteinander verbunden. Abbildung 2 zeigt entsprechend eine fortschreitende Serie zyklischer Abfolgen, welche sich auf die grundlegenden Prozesse der Ausbreitung und Etablierung beschränken. Während der individuelle Organismus letzteres vollzieht, beruhen Bestand und Verbreitung auf Ebene der Population.

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Abb. 2: Sequenzen und Wiederholungen von Ausbreitung und Etablierung auf Individualebene
als Grundlage für Bestehen und Verbreitung der Population

(DAVIS 2009, S. 16).


2.3 Ökologische und ökonomische Folgen

Die angesprochenen ökologischen Folgen sind vielfach noch nicht ausschlaggebend. Viel zu oft ergibt sich erst aus ökonomischer Sicht Handlungsbedarf, wenn auch das Gesundheitswesen und die Wirtschaft beeinträchtigt und somit Opportunitätskosten für Inspektionen, Quarantänen, Ausrottungen und Kontrollen in Betracht gezogen werden müssen. Erschwerend sind darüber hinaus Fälle, in denen eine invasive Art zwar schädliche Auswirkungen mit sich bringt, aber dennoch profitabel ist.

Ökonomische und ökologische Folgeerscheinungen des Auftretens invasiver Arten sind demnach eng miteinander verknüpft. Einerseits ist ihr Vorkommen direkte Folge ökonomisch motivierter Handlungen, ferner bedeutet der Biodiversitätsverlust eine Reduzierung funktionaler Gruppen des jeweiligen Ökosystems. In der Folge gehen die Ökosystemleistungen zurück, welche den Aktivposten, also das natürliche Kapital des Systems, darstellen. Dabei handelt es sich vielfach um das Rohmaterial vieler relevanter Zweige der beispielhaft zu nennenden Fischerei-, Agrar- und Forstwirtschaft. Bezieht man die Auswirkungen auf das Gesundheitswesen mit ein, welches unter anderem Allergieträger und Krankheitserreger beinhaltet, ergeben sich für die Europäische Union jährlich Kosten von rund 9,6 Milliarden Euro, nach Hochrechnungen sogar bis zu 12,7 Milliarden Euro. Weltweit belaufen sich die durch invasive Arten entstehenden Kosten sogar auf etwa 137 Milliarden US-Dollar. Die nur lückenhafte Datenerhebung lässt dabei darauf schließen, dass die Auswirkungen invasiver Arten nur schwerlich überhaupt in Geldeinheiten wiederzugeben sind.

2.4 Notwendigkeit von Gegenmaßnahmen

Die in Deutschland und in der EU aufkommenden Maßnahmen beschränken sich überwiegend auf sektorale Ansätze im Sinne des Naturschutzes, was den oftmals sehr differenzierten und multidimensionalen Auswirkungen invasiver Arten kaum Sorge tragen kann. Der Bedarf nach einheitlichen Vorgehensweisen und entsprechender Kommunikation ist ein sowohl internationales, als auch ein nationales und lokales Problemfeld, da raumübergreifende Handlungsmaßnahmen vielfach ausstehen – eine invasive Art kennt weder National- noch Gemeindegrenzen.

3 Die Zebramuschel (Dreissena polymorpha)

Eine der vom DAISIE-Projekt der Europäischen Kommission erfassten rund 12.000 invasiven Arten innerhalb Europas ist die zur Klasse der Bivalvia gehörende Zebramuschel (Dreissena polymorpha). Ihren Namen verdankt sie ihrer auffällig gestreiften Schale (vgl. Abb. 3), deren Streifenmuster an das von Zebras erinnert. Inzwischen wird sie aufgrund ihrer rasanten Ausbreitung über weite Teile der Nordhalbkugel immer häufiger auch Wandermuschel genannt.

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Abb. 3: Adulte Individuen der Zebramuschel (Dreissena polymorpha)
(DAVIS 2009, S. 16).


3.1 Biologie, Vorkommen, Fortpflanzung und natürliche Verbreitung

Die bis zu fünf Zentimeter großen Zebramuscheln sind sessil und bilden dichte Kolonien in Süßwasser wie auch in leicht brackigem Wasser mit einem Salzgehalt von bis zu sieben parts per million (ppm). Dabei besiedeln sie bevorzugt Hartsubstrate in Küstenzonen und an Flussmündungen. In Brackwasserbereichen kommen die Muscheln bis zu einer Wassertiefe von zwölf Metern vor, in Seen sogar bis zu einer Tiefe von 60 Metern. Zebramuscheln bevorzugen mesotrophe Gewässer und ernähren sich von Plankton und kleinsten organischen Partikeln, welche sie aus dem Wasser herausfiltern. Zu den natürlichen Fressfeinden der Zebramuschel zählen unter anderem verschiedene Fischarten wie Rotaugen, Karpfen oder Aale, aber auch Krebse, Tauchenten und Bisamratten. Während adulte Zebramuscheln Temperaturen zwischen -2°C und 40°C tolerieren, kann ihre Vermehrung lediglich bei Temperaturen zwischen 12°C und 20°C erfolgen. Weibliche Zebramuscheln produzieren pro Jahr bis zu einer Million Eier, die von männlichen Zebramuscheln befruchtet werden müssen. In Abhängigkeit von der Wassertemperatur erstreckt sich die Laichzeit einer Zebramuschel-Kolonie synchronisiert über einen Zeitraum von drei bis fünf Monaten. Die primäre Ausbreitung der Zebramuscheln erfolgt über freischwimmende Veliger-Larven, welche von Wasserströmungen verdriftet werden. Junge adulte Zebramuscheln können sich zudem sekundär verbreiten, indem sie sich mit ihren Byssusfäden an Gegenstände, beispielsweise Treibholz oder Schiffsrümpfe, anheften und auf diese Weise in neue Gebiete transportiert werden. Wenngleich Zebramuscheln keine Dauerstadien ausbilden, können sie im Extremfall auch einige Tage in Wasser mit einem sehr niedrigen Sauerstoffgehalt bzw. bei feuchten und kühlen Bedingungen sogar bis zu drei Wochen außerhalb des Wassers überleben.

3.2 Ursprüngliches und heutiges Verbreitungsgebiet

Die Zebramuschel ist ursprünglich im Schwarzen und Kaspischen Meer sowie im Aralsee heimisch. Natürlicherweise erfolgt die Verbreitung dieser Muschel über Wasserströmungen, angehaftet an Schiffsrümpfe konnte sie sich in den letzten Jahrhunderten jedoch weit über ihr natürliches Habitat hinaus ausbreiten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Zebramuschel zunächst im Nordwesten Russlands sowie in West- und Mitteleuropa. In den 1920er Jahren wurde sie zum ersten Mal in Schweden gesichtet, in den 1960er Jahren dann auch in alpinen Seen und im Jahre 1977 in Italien. 1994 erreichte die Zebramuschel Irland, 2001 Spanien und im Jahre 1988 wurde sie zum ersten Mal im Lake St. Clair zwischen der kanadischen Provinz Ontario und dem US-Bundesstaat Michigan gesichtet, von wo aus sie sich rasch in den Großen Seen Nordamerikas verbreitete. Heute ist sie demnach in weiten Teilen Russlands, Mittel- und Westeuropas, Skandinaviens, Großbritanniens und Irlands (vgl. Abb. 4) sowie in Nordamerika in Süß- und Brackwasserbereichen anzutreffen, wo sie bevorzugt Fließgewässer, Flussmündungen und Seen besiedelt hat. Es wird davon ausgegangen, dass die Zebramuschel sich in den nächsten Jahren weiter in den gemäßigten Breiten der Nordhalbkugel ausbreitet. Auch eine weitergehende Ausbreitung bis nach Südamerika, Südafrika, Australien oder Neuseeland erscheint insbesondere in Anbetracht des Klimawandels möglich.

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Abb. 4: Verbreitung der Zebramuschel  (Dreissena polymorpha) innerhalb Europas
Grün: ursprüngliches Verbreitungsgebiet; Rot: heutiges Verbreitungsgebiet
(ZAIKO & OLENIN 2006, S. 2).


3.3 Anthropogen bedingte Verbreitung

Der häufigste Einführungs-Vektor ist im Falle der Zebramuschel die Schifffahrt und damit anthropogen bedingt. Angeheftet an Schiffsrümpfe kann die Zebramuschel weit größere Strecken zurücklegen als ihre natürlichen Verbreitungsmechanismen erlauben würden. In geringerem Maße wurde zudem die Ausbreitung durch Anheftung an Treibholz beobachtet, sehr selten auch ein anthropogen bedingter Transport über Land. Zumeist werden durch den Menschen unbeabsichtigt adulte Zebramuscheln eingeschleppt, seltener ihre Larven, deren Einschleppung unbeabsichtigt mit dem Ballastwasser der Schiffe erfolgt.

3.4 Ökologische und ökonomische Auswirkungen

Die Einschleppung der Zebramuschel hat beträchtliche Auswirkungen auf die bestehenden Ökosysteme und die darin vorkommenden Arten sowie deren Wechselbeziehungen und Habitate. Besonders gravierend wirkt sich das Vorkommen der Zebramuschel auf ursprünglich heimische Muschelarten oder andere wasserfilternde Organismen aus, da diese zum Teil von der Zebramuschel in Bezug auf Nahrung und Raum auskonkurriert oder aber im Falle von anderen Muschelarten von der Zebramuschel direkt besiedelt und dadurch in

ihrem Wachstum oder ihrer Fortbewegung behindert werden. Die Konkurrenzstärke der Zebramuschel und ihre daraus resultierende weite Verbreitung führen innerhalb der Ökosysteme demzufolge langfristig zu einer Störung der natürlichen Artenvielfalt, weshalb die Zebramuschel als invasive Art angesehen wird. Es kann zudem davon ausgegangen werden, dass die Zebramuschel von den Folgen des Klimawandels profitieren wird, während die ursprünglich heimischen Arten durch diese zum Teil erheblich beeinträchtigt und in der Folge noch weiter durch die Zebramuschel verdrängt werden könnten. Darüber hinaus erhöht sich durch die Einschleppung der Zebramuschel die Bioakkumulation von Schadstoffen in der Nahrungskette, da die Zebramuschel eine – eigentlich positiv zu bewertende – zusätzliche Futterquelle nicht nur für Vögel, sondern auch für benthophage Fische darstellt, welche im Rahmen der Grundschleppnetzfischerei auch als Nahrung für den Menschen dienen. Für den Menschen kann die Zebramuschel nicht zuletzt auch dann gefährlich werden, wenn sie plötzlich in großer Zahl in Gebieten vorkommt, die seit langem der Erholung dienen, da der unbeabsichtigte Kontakt mit den scharfen Muschelschalen nicht selten zu Verletzungen von Urlaubern, insbesondere Kindern, führt. Auf der anderen Seite trägt die Zebramuschel durch ihre auf Phytoplankton basierende Ernährungsweise insbesondere in Seen ganz erheblich zur Filterung des Wassers bei, was zu einer deutlich gesteigerten Wasserklarheit führt.

Neben den genannten ökologischen Auswirkungen hat die Einschleppung der Zebramuschel in Gebiete, in denen sie ursprünglich nicht heimisch war, auch ökonomische Folgen, welche nicht selten aus den ökologischen Auswirkungen resultieren. Insbesondere die Fischereiwirtschaft ist von der sich immer weiter ausbreitenden Zebramuschel betroffen und hat durch sie erhebliche Verluste zu verzeichnen. Zum einen hat sich durch das Vorkommen der Zebramuschel die Zusammensetzung der Fischbestände in den einzelnen Gewässern verändert, zum anderen behindert die Zebramuschel den Fischfang direkt, weil sich die Fischernetze in den Muschelkolonien verfangen. Auf ganz ähnliche Weise wird die Aquakultur beeinträchtigt, da die Zebramuschel sich auch hier an Reusen anheftet, wodurch diese langfristig unbrauchbar werden. Darüber hinaus entstehen in der Schifffahrt erhebliche Kosten durch die Anheftung von Zebramuscheln an Schiffsrümpfe, was im schlimmsten Fall zur Verstopfung von Rohrleitungen oder gar zu größeren Schäden an den Schiffen führen kann. Auch die Abwasseranlagen von zum Beispiel Kraftwerken werden zum Teil so stark von Zebramuscheln besiedelt, dass es zu Rohrverstopfungen oder Fouling kommt. Die mechanische oder chemische Entfernung der Zebramuscheln ist in jedem Fall mit einem hohem Arbeits- und Kostenaufwand verbunden, auf natürliche Weise lassen sich die Zebramuschelbestände jedoch nur sehr selten kontrollieren. Den negativen ökonomischen Folgen der zunehmenden Verbreitung der Zebramuschel stehen nur sehr wenige positive ökonomische Auswirkungen gegenüber. Beispielsweise werden Zebramuscheln mancherorts als Fischköder verwendet, für die Fischmehlproduktion genutzt oder aber als Zusatzfutter an Geflügel verfüttert. Auch eine gezielte wirtschaftliche Nutzung der Zebramuschel zur Wasserfilterung ist denkbar. Aktuelle Forschungen und Studien konzentrieren sich zunehmend auf mögliche weitere Einsatzgebiete der Zebramuschel. Nichtsdestotrotz wird allein für Nordamerika seit der Einschleppung der Zebramuschel von jährlichen Verlusten in Millionenhöhe ausgegangen.

3.5 Gegenmaßnahmen und Managementstrategien

Um die genannten ökologischen und ökonomischen Schäden, die aus der Einschleppung der Zebramuschel resultieren, zu vermindern und zugleich die Zebramuschelpopulation zu kontrollieren, wird inzwischen eine Vielzahl von Gegenmaßnahmen ergriffen. Dabei lassen sich im Großen und Ganzen vier verschiedene Managementstrategien unterscheiden:
  1. Die präventive Vermeidung des Überseetransportes von Zebramuschel-Larven durch den Austausch des Ballastwassers von Schiffen auf hoher See oder eine entsprechende Desinfektion des Ballastwassers.
  2. Die mechanische Entfernung von Zebramuscheln von Schiffsrümpfen, Rohrleitungen etc. durch Abkratzen, Austrocknen, UV-Licht oder Elektroschocks.
  3.  
  4. Die chemische Bekämpfung von Zebramuscheln durch zum Beispiel Kaliumchlorid oder vorbeugend verwendete Anti-Fouling-Anstriche auf Schiffsrümpfen und ähnlich gefährdeten Oberflächen.
  5. Die biologische Kontrolle der Zebramuschelpopulationen durch den Einsatz natürlicher Fressfeinde der Muschel.
Sämtliche Gegenmaßnahmen sind mit einem erheblichen Arbeits- und Kostenaufwand verbunden, können bislang jedoch lediglich regulierend einwirken und die negativen ökologischen bzw. ökonomischen Auswirkungen bestenfalls abmildern. Zudem müssen meistens mehrere, sich ergänzende Maßnahmen gleichzeitig ergriffen werden, da eine Maßnahme allein kaum Erfolge zu verzeichnen hat, was insbesondere für die eigentlich allen anderen Maßnahmen vorzuziehende biologische Kontrolle der Zebramuschelpopulationen zutrifft.

4 Schlussbetrachtung und Ausblick

Der Trend zunehmendem Austauschs von Personen und Gütern, die Beeinträchtigung der Ökosysteme durch den Menschen und auch die eng damit verbundenen Phänomene wie der Klimawandel werden wohl auch zukünftig eine sich verschärfende Ausbreitung invasiver Arten mit sich bringen. Wie bereits angesprochen, wird es nicht ausreichen, der Problematik kleinräumig beikommen zu wollen. Eine über die Nationalgrenzen Europas – wenn nicht sogar noch weiter – hinausgehende Interaktion und Verständigung wird für eine ergebnisorientierte und nachhaltige Bekämpfung der Problematik invasiver Arten immer notwendiger. 

Die Einführung internationaler Vorgaben und supranationaler Zusammenarbeit auf Basis fachlicher Konzepte scheint für die Realisierung effizienter Maßnahmen vordringlicher denn je. Auf lokaler wie auch auf nationaler und internationaler Ebene besteht diesbezüglich sowohl ein Bedarf an homogenen Handlungskonzepten als auch an einem Austausch von Daten und Informationen. Eine Schlüsselrolle im Management der Ökosysteme und ihrer Bedrohungen könnte dabei geographischen Informationssystemen zukommen.

Ansätze einer realisierbaren und zugleich kostenwirksamen Strategie, welche darauf abzielt, messbare Erfolge bezüglich des internationalen Anliegens des Schutzes der Biodiversität zu erbringen, sind ein entsprechend vordringliches Ziel der Europäischen Kommission. Bis 2020 bzw. 2050 sollen diese Strategien ausreichend konkretisiert werden. Die Realisierung der Ballastwasser-Konvention wiederum, welche bis 2016 den Austausch von Ballastwasser und Sedimenten regeln soll, weist auf, wie wichtig es ist, dass alle Akteure mit einbezogen werden müssen, um einer weiteren Einbringung invasiver Arten vorzubeugen – das Nichthandeln einzelner würde das gesamte Vorhaben obsolet machen.

Bei der Vorsorge alleine darf es jedoch nicht bleiben. Nach den Vorgaben der Convention on Biological Diversity (CBD) empfiehlt sich ein dreistufiger Strategieansatz. Neben der Prävention, welche die Einbringung invasiver Arten verhindern soll, existieren auch Früherkennungs- und Sofortmaßnahmen, um die vollständige Beseitigung noch nicht weit verbreiteter Arten zu gewährleisten. Darüber hinaus dienen Kontrollmaßnahmen der Auswirkungsminderung und Eindämmung bereits weit verbreiteter Arten wie der Zebramuschel. Problematisch ist jedoch, dass die oft sehr komplexen Auswirkungen invasiver Arten wie der Zebramuschel zumeist erst nach langer Zeit ersichtlich werden, so dass eine Bewertung invasiver Arten hinsichtlich ihrer negativen oder auch positiven Auswirkungen im jeweiligen Einzelfall letztlich schwierig bleibt.

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