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Autoren: Steven Fioravanti & Lasse Harder-Klaunig

Ein Beispiel für die Einflüsse von Umweltentwicklungen auf die Katastrophenursachen 
und deren Bewältigung in der Frühen Neuzeit?

1 Einleitung

Yersina pestis oder die Pest, wie die Infektionskrankheit im deutschsprachigen Raum auch genannt wird, beschreibt das Erbe der Antike, die Urkatastrophe des Mittelalters und den Ausnahmezustand in der Frühen Neuzeit. Die Ursachen und Infektionswege der Pest sind vielfältig und unterliegen immer wieder dem wissenschaftlichen Diskurs. Noch weitaus größer ist die Frage, weshalb die Pest im Europa des 18. Jahrhunderts so schnell verschwand? Auch dieser Ansatz wird in den Wissenschaften der Geographie, Ökologie, Medizin, Geschichte, Biologie u.a. breit diskutiert.

Diese Arbeit bezieht sich auf die Große Pest von London um 1665 (The Great Plague) und soll an dem Beispiel die Frage beantworten, inwiefern sich Umweltentwicklungen und ihre Faktoren als Erklärungsursache für die Entstehung und das Verschwinden der Pest eignen. Hierbei wird zunächst auf den Pesterreger im Allgemeinen eingegangen, indem die möglichen Ursachen und Infektionswege erläutert werden. Desweiteren wird der gesellschaftliche Umgang mit der Pest beschrieben, damit die Pest als eine ständig zu erwartende Bedrohung verstanden wird. London dient in dieser Arbeit als Beispiel für mögliche existierende Umwelteinflüsse, welche den Ausbruch der Pest im Sommer 1665 in Englands Hauptstadt begünstigten. Dabei wird im folgenden auf die Möglichkeiten der Katastrophenbewältigung eingegangen, die der Sachkenntnis der damaligen Amtsträgern entsprachen und wie die Flucht der wohlhabenden Eliten aus der Stadt zu einem Perspektivenwechsel im Umgang mit der Pest führten. Die Pest soll in diesem Absatz als ständiger Lernprozess begriffen werden, welcher dem alltäglichen Umgang mit der Infektionskrankheit entsprang.  Im letzten Ansatz wird beschrieben, welche Umweltentwicklungen in London nach der Pest möglicherweise ein Ende der Infektionskrankheit in Europa bedeuteten. In einem Fazit werden die wichtigsten Umwelteinflüsse noch einmal zusammengefasst und diskutiert, um auf möglich weitere Entwicklungen zu schließen. Zum Schluss soll ein Ausblick gegeben werden.

Die Ausführungen der Arbeit basieren hauptsächlich auf dem Werk von Paul Slack - The Impact of Plague in Tudor and Stuart England.Slacks Monografie ermöglicht einen detaillierten Einblick in die Ursachen, Ausbreitung, den Umgang und das Ende der Pest im frühneuzeitlichen England. Bei der Großen Pest von London bezieht er sich zudem auf die Tagebucheinträge von Samuel Pepy, welcher als königlicher Amtsträger die Pest 1665 überlebte und deren Verlauf schriftlich festhielt. 

2 Die Pest

2.1 Yersina pestis - Das PestbakteriumDie Pest ist unter Nagetieren eine häufig auftretende Infektionskrankheit. Wichtig sind vor allem die Nagetiere, welche mit dem Menschen in engem Kontakt stehen wie z.B. Ratten und Mäuse. Heute ist es nur schwer nachvollziehbar, wenn Ratten mit dem Menschen zusammen unter einem Dach leben. Doch um das 17. Jahrhundert herum gehörte dieser Kontext zum Leben in den Städten (Slack 1985, S. 10).

Die Übertragungswege der Pest sind ebenso vielfältig wie dessen Ursachen: im Allgemeinen dient das Nagetier als Wirt für die Yersina pestis. Ist die Ratte von einem Rattenfloh (xenopsylla cheopis) befallen, der die Ratte beißt, wird der Floh zum Zwischenwirt und Überträger der Pest. Stirbt die Ratte, sucht sich der infizierte Floh einen neuen Wirt, den Menschen, der in der näheren Umgebung aufzufinden ist (Ebd., S. 7). Ein weiterer Gesichtspunkt bei den Übertragungswegen bezieht sich auf die Rolle des Menschenflohs (pulex irritans). Es wird davon ausgegangen, dass auch der Menschenfloh nach dem Befall eines infizierten Menschen den Pesterreger übertragen könne. Die großen Pestepidemien wären anhand der beschriebenen Übertragungswege leichter erklärbar (Ebd., S. 10). 

Die Pest ist eine höchst ansteckbare und tödliche Infektionskrankheit, weil die Übertragung durch Tröpfcheninfektion über den bereits infizierten Menschen ebenfalls für einen raschen Übertragungsweg steht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Frühe Neuzeit große Pestpandemien, wie the Great Plague of London, Polen, Litauen und Ostpreußen, verzeichnete (Bork & Winiwarter 2014, S. 22 f.). Die Letalität der Pest ist unumstritten: 60-80% der infizierten Menschen sterben meisten nach 6 Tagen. Die Symptome der häufig auftretenden Beulenpest beschreiben einen kurzen aber schmerzhaften Leidensweg: das Bakterium zerstört die Zellen und das Gewebe, wobei Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit, starke Schmerzen, Delirium und Koma beim Menschen auftreten. Auf der Haut lassen sich die Kennzeichen auffinden, welche dieser Art der Pest ihren Namen gab: der Flohbiss ist an kleinen Bläschen zu erkennen, die sich zu schwarzen Karfunkeln entwickeln. Die Lymphknoten unter den Achseln, an den Leisten und im Nacken schwellen an und bilden Beulen aus. Diese breiten sich mit Bläschen auch unter der Haut aus, die verschiedene Farbtöne über schwarz, blau, lila und orange annehmen können (Slack 1985, S. 7 f.).

Weshalb die Pest in der Frühen Neuzeit zu Pandemien wie in London um 1665 führte, soll anhand eines Überblicks über die vielfältigen Einflussfaktoren im folgenden Absatz erläutert werden.

2.2 Mögliche Ursachen der Pest

Beim Betrachten der Ursachen der Pest liegt der Fokus dieser Arbeit vor allem auf den begünstigenden Umweltbedingungen und den Lebensumständen zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert. Diese Jahrhunderte stehen für permanente kriegerische Auseinandersetzungen in Europa. Das Plündern von Truppen, mangelnde hygienische Zustände, Verarmung der Bevölkerung und deren Schwächung des Immunsystems durch Unterernährung verhalfen dem Pestbazillus sich in ganz Europa endemisch auszubreiten. Durch die zusätzliche Abkühlung des Klimas im 16. Jahrhundert kam es zu zahlreichen Missernten, welche die Menschen zusätzlich schwächte (Vasold 1991, S. 123). Mit anderen Worten war die Pest ein Dauerzustand. Laut Franz Mauelshagen verzeichnete Frankreich zwischen 1348 und 1670 nicht ein Jahr ohne einen Pestfall (Mauelshagen 2005, S. 238 f.). 

Die Menschen waren durch Kriege und die daraus resultierenden Auflösungserscheinungen von Herrschaft, Wirtschaft und Nahrungsmittelversorgung körperlich stark geschwächt, was sie für Infektionskrankheiten anfälliger erscheinen ließ. Es sollte zu vermuten sein, dass die Pest und die Kriege die Bevölkerungszahlen stark dezimiert haben, doch dieses war nicht der Fall. Die Menschen strömten vom Land in die Städte ganz im Sinne der Landflucht. Dabei handelte es sich vor allem um die Hoffnung der Menschen auf eine bessere Versorgung und die Teilhabe am wirtschaftlichen Handel der Zeit. Steigende Geburtsraten und Zuwanderung ließen die Städte unkontrolliert anwachsen (Ebd., S. 238). Bevölkerungszuwachs und Lebensmittelknappheit ließen zum Leid der Bevölkerung die Getreidepreise zusätzlich ansteigen (Vasold 1991, S. 123).

Es breiteten sich um die Stadtmauern von Städten Armenviertel aus: Holzhütten wurden unkontrolliert dicht nebeneinander gebaut und die hygienischen Mängel waren katastrophal. Es gab keine Kanalisationen und der Unrat wurde wie im Mittelalter auf die Straßen geworfen. Armenviertel und Ratten, besonders die damals noch weit verbreitete Hausratte, standen mit den Pestepidemien der Frühen Neuzeit in einem engen Zusammenhang. Die Armen schliefen meistens auf dem Fußboden oder in Kellern mit Stroh. Somit befanden sie sich im engen Kontakt mit der Hausratte und dem potenziellen Wirt der Pest. Wohlhabende Bürger dagegen lebten überwiegend in Bauten aus Stein und nicht in Erdgeschossen. Darüber hinaus besaßen sie die finanziellen Mittel um sich  im möglichen Rahmen selbst zu schützen (Mauelshagen 2005, S. 252 f.). 

Die Hausratte bewegte sich bevorzugt unter den Dächern und Städten der Menschen durch die Nähe zu den Hauptnahrungsquellen wie Getreide und Früchten. Infizierte Rattenkolonien entstanden in feucht, warmen Klimata innerhalb der Stadtrandzonen mit stark hygienischen Mängeln und der Nähe zum Menschen. In diesem Kontext spielt die Übertragung der Pest durch den Rattenfloh eine bedeutsamere Rolle als die über den Menschenfloh: feucht, warme Klimabedingungen sind auch für die Ausbreitung der Rattenflohpopulation begünstigend. Dieses würde erklären, warum in Pestzeiten die Sterberate in den Sommermonaten am höchsten war (Slack 1985, S. 7 ff). Besonders betroffen waren Städte entlang von Haupttransportwegen (Häfen, Metropolen, u.a.). Die Hausratte und andere Nagetiere gelangten in Städte über die Häfen wie am Beispiel von London und Amsterdam. Meistens waren die Nager infiziert oder die Schiffe transportierten bereits infizierte Menschen aus dem nahen Osten und dem Mittelmeerraum (Ebd., S. 12 ff.).

Pestepidemien in der Frühen Neuzeit wurden also durch Kriege, Unterernährung, mangelnde Hygiene, feucht, warme Klimata, Handel, Überbevölkerung und Armut begünstigt. Der folgende Absatz soll die Handlungsweisen in Pestzeiten und das Leben der Menschen mit der Pest näher beschreiben. 

2.3 Eine Gesellschaft im Ausnahmezustand

Wie bereits beschrieben, war die Pest nicht einfach irgendein auftretendes Phänomen sondern vielmehr ein gesellschaftlicher Zustand, der immer wieder auftrat. Dabei unterlief die Infektionskrankheit die bestehenden Sicherheiten jener Menschen und verwies sie in einen Ausnahmezustand: Menschen starben in den Straßen und blieben dort liegen, hunderte von Leichen wurden auf Barren zu Massengräbern gefahren oder außerhalb der Stadt begraben, Menschen gingen nicht mehr arbeiten, Wirtschaft, Autorität und Wohlstand kamen zum erliegen. Die Pest zerstörte Familien, Freunde, Business, Eigentum, Autorität und Nation, wodurch sich die Katastrophe in einen unkontrollierbaren Zustand entwickelte und nicht nur Angst sondern auch Schrecken verbreitete. Die Menschen verloren den Glauben an eine bestehende, gottgewollte Ordnung, denn das bestatten von Menschen außerhalb der Stadt oder in Massengräber galt vor allem Sündern, Selbstmördern und Verbrechern (Ebd., S. 17 ff.).

Sowohl im Mittelalter als auch in der Frühen Neuzeit waren Pestepidemien von religiösen Erklärungs- und Wahrnehmungsmustern geprägt. Die Pest stand immer noch für die Bestrafung der menschlichen Sünden durch Gott. Die Menschen erklärten sich das Hinwegraffen so vieler Menschen, ob gut oder böse, als Test des Glaubens. Viele sahen den Tod nach einem langen Leidensweg als Erlösung von allen Sünden an ganz nach dem Vorbild Jesus Christus. Die Art der Katastrophenbewältigung beschränkte sich daher auf ausharren und beten. Die letzte Hoffnung der Bevölkerung auf ein Abschwächen der Pest auf ihrem Höhepunkt war die von der Kirche durchgeführte Bittprozession (Mauelshagen 2005, S. 245 ff.). Den gesellschaftlichen Zustand zu Zeiten einer Pestepidemie beschreibt Mauelshagen wie folgt: „Die Pest herrschte im doppelten Sinne: Als Epidemie und als eine durch sie vorübergehend erzwungene Gesellschaftsordnung eigener Art. Erst so wurde die Ausnahmesituation zum Zustand, in dem sich so etwas wie eine sekundäre Normalität etablieren konnte (Ebd., S. 259 f.).“ 

Die Reformation und die langen Jahre der Pesterfahrung sollten den Umgang mit der Pest verändern: nachdem neben der göttlichen Strafe auch überwiegend Fremde, Immigranten, Arme, falscher Glaube und Juden beschuldigt wurden die Pest zu verbreiten, entstand über die Reformation, neben der Buße, eine Art Pflichtbewusstsein und  Mahnung zu richtigem Verhalten bei Amtsträgern. Anders als im Orient wo die Pest eine Strafe Gottes blieb, entwickelte sich im Europa der Frühen Neuzeit, auf Basis von Beobachtung und neben der Buße, das Retten von Menschenleben zu einer Amtspflicht der Regierung. Diesen Prozess beschreibt Martin Dinges als „hohes Maß an moralischer Kommunikation“ (Dinges 2005, S. 291). Dieses bedeutet, dass Amtsträger nicht wie zuvor flüchten durften sondern Verantwortung übernehmen sollten. So wurde z.B. anhand von Beobachtungen erkannt, dass die Pest als erstes immer in Armenvierteln und Stadträndern auftauchte (Ebd., S. 285 ff.).

Im Europa der Frühen Neuzeit entwickelte sich so ein politisches Handlungsmuster der Pestbewältigung zwischen Regierung, Kirche und Medizin (Ebd., S. 295).  Über diese Handlungsmuster etablierten sich die Pestverordnungen (Plague orders): diese umfassten Quarantänemaßnahmen, Isolation von Haushalten und Cordons sanitaires . In vielen Fällen allerdings wurden diese Pestverordnung, da sie in das öffentliche Leben stark eingriffen, gesetzlich nicht festgehalten. Dadurch blieben es weitgehend nur erwähnte Maßnahmen (Slack 1985, S. 219). 

3 Die Große Pest von London 1665

 

3.1 Begünstigende Umwelteinflüsse

Das Auftreten der großen Pestepidemie in London während der Jahre 1665 und 1666 wurde durch die schnell voranschreitende Zunahme der städtischen Bevölkerung und ebenfalls durch klimatische Bedingungen begünstigt. London  war für viele Menschen der ländlichen Bevölkerung ein Ort wirtschaftlichen Wohlstandes und Handels.

Durch die schnell ansteigende Bevölkerungszahl und die damit einhergehende Verdichtung der städtischen Bebauung, wurden auch die hygienischen und medizinischen Bedingungen gerade in den Armenvierteln immer schlechter.  Im Frühjahr und im Sommer des Jahres 1665 traten besonders hohe Temperaturen auf. So beschrieb Samuel Pepy in seinem Tagebuch, „[...] June as the hottest day he had ever experienced and the warmest day at that time of the Year that anyone would remember [...]“ (Porter 2009, S. 34). Damit beschreibt Pepy sehr anschaulich, unter welchen Umständen es zu einer Epidemie dieses Ausmaßes kommen konnte. Da der Pestvirus vor allem von dem Rattenfloh übertragen wird, brachte dieses warme und trockene Klima die Bedingungen mit sich, die zu einer schnellen Ausbreitung und Verbreitung der Pest in London führten. Damit es aber überhaupt zu einer so starken Vermehrung der Rattenpopulation in London kommen konnte, brauchten diese einen begünstigenden Lebensraum, der ihnen ausreichend Nahrung und viele Rückzugsmöglichkeiten bot. Diesen fanden die Ratten in den dicht besiedelten städtischen Armenvierteln. Ein weiteres dort auftretendes Problem war die Entsorgung des anfallenden Mülls, wie Essensreste und menschliche Exkremente. Da es zu dieser Zeit keine Kanalisation oder irgendeine Form der Müllentsorgung gab, wurden der gesamte Abfall sowie die Exkremente der Bevölkerung auf den Straßen entsorgt (Slack 1985, S. 160). Diese Lebensbedingungen und die unmittelbare Nähe zu den Menschen führte dazu, dass die Ratten und somit das Pestvirus perfekte Bedingungen für die Ausbreitung im gesamten Stadtgebiet finden konnten (Mauelshagen 2005, S. 252).

Die sehr einfachen und schlechten Unterkünfte in den Armenvierteln, die häufig nur aus Holzhäusern mit Strohdächern bestanden, sowie die erbärmlichen hygienischen und medizinischen Umstände boten es geradezu an, dass es zu einer solchen Katastrophe kam.  

3.2 Die Katastrophenbewältigung

Der Ausbruch der Pest im Frühjahr 1665 wurde über die Handelswege durch importierte verseuchte Waren (wie z.B. Kleidung) und infizierte Ratten sowie Menschen vom Kontinent verursacht. Da es in den Ländern der Handelspartner auf dem Kontinent in jedem Jahr zu kleineren oder auch größeren Pestausbrüchen kam, wird vermutet, dass die Krankheit über intensive Handelsbeziehungen nach London gelangte (Slack 1985, S. 152).

Die Armenviertel in London hatten sich immer weiter ausgebreitet, teils reichten sie schon über die Stadtmauern hinaus und boten mit ihrer Bauweise von kleinen, engen Gassen die sich zwischen den einfachen Holzhäusern befanden, der ausbreitenden Pest und deren Überträgern perfekte Bedingungen. Da sich in den Häusern der Armenviertel meist sehr viele Personen aufhielten und diese oft unterernährt und deshalb anfällig für Krankheiten waren, kam es zu einer stetigen Ausbreitung, bis schließlich die gesamte Stadt von dem Pestbazillus bedroht war (Mauelshagen 2005, S. 240 ff).

Die ersten Erkrankungen und Todesfälle traten im Frühjahr 1665 in dem Armenviertel „St. Giles-in-the-field“ auf. Die besonderen Bedingungen in den dicht besiedelten Armenvierteln führten dazu, dass die eingesetzten Strategien die weitere Ausbreitung der Pest nicht verhindern konnte. Dabei wurden die Maßnahmen im Rahmen der „Plague Orders“ in den betroffenen Gebieten angewandt (Slack 1985, S. 210). Dazu gehörte, dass die Stadtverwaltung Quarantänemaßnahmen über die betroffenen Gebiete verhängte, wozu auch gehörte, dass betroffene Häuser gekennzeichnet wurden um die Bevölkerung vor Infizierten zu warnen. Die Gebäude der infizierten Bewohner wurden dabei für einen Zeitraum von sechs Wochen von der Außenwelt abgeschnitten, erhielten jedoch Nahrung und Wasser zum Überleben. Die Erkrankten in den betroffenen Vierteln waren zudem in sogenannten Pesthäusern untergebracht, um den Kontakt mit Gesunden zu verhindern und eine angemessene Behandlung zu ermöglichen. Diese Maßnahmen der Isolation und Quarantäne wurden vom Militär überwacht und aufrechterhalten. Es gab ebenfalls ein Versammlungsverbot, um die Gefahr der Ausbreitung zu verringern. Doch all dies reichte nicht aus, um die weitere Verbreitung der Pest über die Armenviertel hinaus zu verhindern (Mauelshagen 2005, S. 260 ff).

Schon nach wenigen Wochen hatte sich die Pest bis in die Bereiche der Innenstadt ausgebreitet. Die Isolation der Erkrankten und deren Angehörigen in ihren Behausungen führte darüber hinaus dazu, dass auch gesunde Bewohner der Pest ausgesetzt wurden. Somit kam es, dass wegen des Vorgehens der Stadt ganze Familien der Pest erlagen. Desweiteren wurden infizierte Gegenstände, wie Kleidung, verbrannt. Die Toten konnten nicht mehr auf den Friedhöfen bestattet werden, da die Anzahl der Toten von Woche zu Woche immer mehr anwuchs, so dass die Toten außerhalb der Stadt in großen Massengräbern verscharrt wurden. Auch die medizinische Herangehensweise konnte keine Erfolge in der Eindämmung der Pest verbuchen, da es noch kein medizinisches Verständnis über die Wege der Ansteckung und Übertragung der Pest gab. Die Bekämpfung von „schlechten Gerüchen“ durch das Verbrennen von Tabak oder anderen Mitteln hatten so nicht die gewünschten Auswirkungen (Slack 1985, S. 210).

Es fehlte den Medizinern, den religiösen Würdenträgern und der städtischen Regierung das Verständnis zu den Verbreitungswegen der Pest. So kam es, dass vermutet wurde, dass die zahlreichen Hunde und Katzen in der Stadt für eine Übertragung der Pest verantwortlich sein könnten. Es wurden Trupps gebildet, die im gesamten Stadtgebiet alle Hunde und Katzen töten sollten. Diese Maßnahme ließ jedoch die natürlichen Feinde der eigentlichen Überträger, der Ratten, verschwinden. So konnten sich die Ratten weiter ungebremst in den Stadtvierteln bewegen und den Pesterreger in der gesamten Stadt verbreiten (Vasold 1991, S. 139).

3.2.1 Die große Flucht und der Perspektivenwandel

Nachdem der Bevölkerung bewusst wurde, dass die Pest in London katastrophale Ausmaße annahm, versuchten so viele Menschen wie möglich vor der Pest zu fliehen. Der König verließ mit seinem Gefolge die Stadt und ihm folgten alle, deren finanzielle Mittel eine Flucht ermöglichten. Dazu gehörten vor allem Bewohner der Oberschicht, des Adels, städtische Bedienstete und religiöse Würdenträger (Vasold 1991, S. 138). 

Die Bevölkerung in den infizierten Gebieten war somit sich selbst überlassen worden. Es gab keinen funktionierenden Verwaltungsapparat mehr, welcher angemessen auf die Pest reagieren und handeln konnte (Mauelshagen 2005, S.240). Die Folge dieser Flucht und der immer weiteren Ausbreitung der Pest, mit einer immer höher steigenden Anzahl an Todesfällen, führte zu einem Zusammenbruch der eingeleiteten Maßnahmen und verwaltungstechnischen Ordnung. Zum Höhepunkt der Pestepidemie in London im August und September starben bis zu 7000 Menschen pro Woche an der Pest (Vasold 1991, S. 139). Zudem flohen auch Soldaten und Geistliche, welche in den Stunden größter Not nach wie vor für Sicherheit und Seelenfürsorge standen. So konnten Isolations- und Quarantänemaßnahmen nicht mehr aufrechterhalten werden. Auch die noch verbliebenen  Ärzte und anderes Personal, die sich um die Erkrankten und die Infizierte Bevölkerung kümmerte, verließ zum Teil die Stadt, so dass die medizinische Versorgung immer schlechter wurde. Diese Flucht hatte besonders für die Armenviertel schwerwiegende Auswirkungen, da sich nun die Grundlage ihrer Versorgung auflöste (Mauelshagen 2005, S. 241 und Porter 2009, S. 32).

Erst die im Herbst und Winter merklich abnehmenden Temperaturen führten zu einem abklingen der Todesfälle. Die abnehmenden klimatischen Bedingungen ließen Ratten- und Flohpopulationen schwinden und somit die Überträger des Pesterregers. Die Anzahl der Todesfälle fiel im Verlauf des Winters immer weiter ab, so dass im folgenden Frühjahr nur noch vereinzelt Pesttote zu beklagen waren. Aber erst durch eine weitere Katastrophe, die London heimsuchte, wurde die Pest aus der Stadt vertrieben. Im September des Jahres 1666 kam es zu einem folgenschweren Brand, der weite Teile Londons vernichtete. Da neben den vielen von der Pest betroffenen Gebiete auch nahezu die gesamte Ratten- und Flohpopulation ausgelöscht wurden, verschwand auch die Pest (Vasold 2009, S. 141).

Infolge dieser beiden Katastrophen kam es zu einem Umdenken im Kampf gegen die Pest. Beim Wiederaufbau der zerstörten Stadtviertel, wurden die Fehler aus der vorherigen städtischen Entwicklung nicht wiederholt. Die Stadt veränderte sich grundlegend: Es wurden breitere Straßen angelegt, so dass die Häuser nicht mehr so dicht beieinander standen. Auch beim Wiederaufbau der Häuser wurden neue Vorgaben erlassen, nachdem alle Häuser nun überwiegend aus Stein gefertigt werden sollten. Gleichfalls wurden Stroh- und Reetdächer verboten. Diese Maßnahmen und die Anlegung einer Kanalisation sollten die Stadt mit ihren hygienischen Mängeln und dem Leben mit der Ratte dauerhaft verändern (Mauelshagen 2005, S.262). 

Durch die eingesetzten Strategien und Maßnahmen kam es im Laufe der Jahre zu einer kontinuierlichen Verbesserung der Lebensbedingungen der städtischen Bevölkerung. Dies wurde neben den städtebaulichen Veränderungen auch durch eine Verbesserung der allgemeinen hygienischen und medizinischen Versorgung gewährleistet. Auch die Prävention vor einer erneuten Pestepidemie und die  Maßnahmen bei erneuten Auftreten der Pest wurde grundsätzlich verändert: Die sogenannte „Pest order“ blieb keine erwähnte Maßnahme mehr, sondern wurde zu einer anerkannten präventiven Maßnahme der Katastrophenbewältigung. Informationen über Pestfälle in den Handelszentren wurden von der Presse ausgegeben, sodass die Regierung in London Hafenblockaden und Schiffsquarantänen durchsetzen konnte. Zudem ließ die Regierung es nicht mehr zu, das Armensiedlungen sich um die Stadtmauer herum ausbreiten, damit diese in Pestfällen die Isolationsgrenzen bilden konnten (Slack 1985, S. 321 ff.).  

Somit kann nach 1666 im Umgang mit der Pest von einem  Perspektivenwechsel gesprochen werden, da der Pestfall nicht wie zuvor alleine als Strafe Gottes akzeptiert wurde sondern als Möglichkeit und Pflicht Leben zu retten (Ebd., S. 327).

4 Fazit

Grundsätzlich ist zu sagen, dass bestimmte Umweltbedingungen erheblichen Einfluss auf die Entstehung und Ausbreitung der Pest ausüben: Hierzu zählen vor allem warm und feuchte Klimata, die die Ausbreitung von hygienischen Mängeln sowie der Ratten- und Flohpopulation begünstigen. Im Grunde kann die Ausbreitung der Pest als ein Umweltkreislauf verstanden werden: Angestoßen von klimatischen Bedingungen, einer hohen Bevölkerungsanzahl und Dichte sowie baulichen Missständen, breitet sich über hygienische Mängel die Ratten- und Flohpopulation aus, welche den Pestbazillus übertragen. Ist dieser Kreislauf einmal in Bewegung, so ist es unter gegebenen Umständen schwer die Pest zu besiegen, weshalb auch der überwiegende Teil der Reichen Bevölkerung in London floh.

In Westeuropa hat vor allem der moralische Konsens und die jahrelange Pesterfahrung dazu geführt, dass sich die Katastrophenbewältigung von dem religiösen Seelenheil hin zu aktiven Maßnahmen der Prävention entwickelte. Höchstes Ziel war die Rettung von Menschenleben. Dieses ließ Maßnahmen entstehen, welche begünstigende Umwelteinflüsse verstand zu kontrollieren, wie den Gebrauch von Hafen- und Schiffsquarantänen, dem modernen Städtebau, Anlegung von Kanalisation und Pesthäusern sowie einem internationalen Informationsnetzwerk. Zurückzuführen sind diese Anwendungen auf die Erkenntnis, dass die Pest meistens in Armenviertel und Häfen ihren Ursprung hatte, welche im Zusammenhang mit schlechten Lebensbedingungen standen. Durch die Vermutung, dass schlechte Lebensbedingungen und die Pest in einer engen Verbindung zueinander stehen, bot der Brand von 1666 die entscheidende Möglichkeit diese zu verbessern.

Der Erfolg spricht für sich, denn nach der Verbesserung der hygienischen Bedingungen, einer allgemeinen Verbesserung des Lebensstandards und der damit verbundenen Einschränkung der Rattenpopulation trat die Pest, wie in 1665, nie wieder in diesen Ausmaßen in Britannien auf. Letztendlich machen die Maßnahmen ja auch einen Sinn, denn Steinhäuser anstelle von Holzhütten, der Bau von Kanalisation anstatt den Abfall auf die Straße zu werfen und Menschen, die durch breite Straßenzüge voneinander getrennt leben als sich zusammen, dicht an dicht, in hygienischen Missständen zu bewegen,  tragen dazu bei, dass sich der Pestbazillus nicht weiter ausbreiten kann. Zuvor verhindern diese Maßnahmen präventiv die Entstehung eines Pestfalls.

Somit hatte die Katastrophe von 1665 trotz der zahlreichen Todesfälle und dem Brand auch etwas positives: The Great Plague of London und der Brand von 1666 ermöglichten den Einsatz längst bestehender Maßnahmen der Katastrophenbewältigung, wie die „Pest Orders“, und städtebauliche Veränderungen. 

Das die Pest noch lange nicht Geschichte ist, lässt sich auch heute noch an begünstigende Umwelteinflüsse erkennen, wie in Madagaskar, wo ebenfalls, schlechte Lebensbedingungen, mangelnde Hygiene und eine hohe Bevölkerungsdichte den Pesterreger begünstigen und zu erheblichen Opfern führen.  

Literaturverzeichnis

Bork, H.R. & V. Winiwarter (2014): Geschichte unserer Umwelt. Sechzig Reisen durch die Zeit, Darmstadt.

Dinges, Martin (2005): Pest und Politik in der europäischen Neuzeit, in: Meier, Mischa (Hrsg.): Pest - Die Geschichte eines Menschheitstraumas, Stuttgart, S. 283-317.

Mauelshagen, Franz (2005): Pestepidemien im Europa der Frühen Neuzeit (1500-1800), in: Meier, Mischa (Hrsg.): Pest - Die Geschichte eines Menschheitstraumas, Stuttgart, S. 237-266.

Porter, Stephen (2009): The Great Plague, Chalford.

Slack, Paul (1985): The Impact of Plague in Tudor and Stuart England, London.

Vasold, Manfred (1991): Pest, Not und schwere Plagen, München.

Vasold, Manfred (2003): Die Pest - Ende eines Mythos, Stuttgart.